Annett Louisan - Biografie
Annett Louisan - annettlouisan.de
Die Ästhetik, aus der sich eine gute Portion von Annett Louisans Erfolg speist, ist in einer Zeit angesiedelt, in der man hierzulande noch von Langspielplatten redete und eine stringente, in sich geschlossene Kollektion von Liedern meinte. Die Idee, eine Song-Abfolge durch einen roten Faden zu verbinden, statt ein Dutzend Füller-Nummern um einen Hit zu platzieren, macht Annett Louisan zwar nicht zwangsläufig zum Potentaten der einträglichen Retro-Welle. Zeitlosigkeit darf und muss man der 31Jährigen aber vor allem für ihr viertes Album attestieren. Allerdings, und das ist eine der Neuerungen nach drei Erfolgs-Alben und mehr als einer Million verkaufter Tonträger, hält sie nicht mehr am Pop-Chanson fest. Neu gefundene Nonchalance muss die Prämisse für „Teilzeithippie“ gewesen sein. Sowohl im äußerlichen Erscheinungsbild der Louisan, wie auch inhaltlich und vor allem persönlich. „Wenn ich weiter gemacht hätte wie bisher, wäre ich einer Masche gefolgt. Und wenn man seine eigene Masche erkennt, sollte man sie am besten fallen lassen, denn das Leben ist Veränderung“, erklärt Annett Louisan. Mit dieser Erkenntnis blickt sie sublim, aber nachdrücklich einem neuen Karriereabschnitt entgegen. Hin zum formvollendeten Popsong, der weniger den Kopf, als mehr den Bauch stimuliert, ohne gefällig oder gar beliebig daherzukommen. Eine neu oder besser gesagt, eine wieder gefundene Leichtigkeit zieht sich durch ihre Vision des Umgangs mit deutscher Sprache im Pop-Kontext, in der Verbindung von Poesie und Alltagssprache. Weniger altklug und zitatenreich als sensuell und sexy-pointiert ist das Ausformulieren ihrer Gedanken und Emotionen vier Jahre nach ihrem Debüt geworden. Damals, 2004, war sie Studentin und Bohemienne. Heute, 2008, nach etlichen Einsichten und neu gewonnenen Ansichten, ist sie wieder Bohemienne, kann durchatmen, mehr sie selbst sein. Vom Haarspraymonster ist die Rede, wenn Annett Louisan über die Interimszeit zwischen „Bohème“ und „Teilzeithippie“ spricht. Von einem Arbeitstier, das funktionierte und die Perfektion so weit trieb, dass dem Freigeist zu wenig Luft zum Atmen blieb. Sie ist zwar immer noch die Louisan, die „Unausgesprochen“ und dem „Optimalen Leben“ ihren Namen verlieh. Aber sie ist heute viel mehr die Annett Louisan, die sie zum Beginn ihrer Karriere war. Wenn man so will, ist sie mit „Teilzeithippie“ zurückgekehrt zu ihren Wurzeln. Zu der Frau und zu dem Mädchen, die sich in ihrer Person immer noch vermischen. Indizien dafür liefert gleich die Eröffnungsnummer des neuen Albums, „Das schlechte Gewissen“ mit seiner Anspielung auf Louisans bislang größten Single-Hit „Das Spiel“. Ihre Entwicklung wird evident, wenn sie mit diesem Song die Türe zur wunderbaren Welt der Amnesie öffnet, die einen Mann, eine Frau, eine Nacht, kurzum das schlechte Gewissen vergessen lässt. Die thematische Verzahnung zur Komposition von Gunnar Graewert „Gekommen um zu sagen“ ist kein Zufall; schließt sie doch mit der Erkenntnis ab, dass Sesshaftigkeit letztlich nur kurzzeitiges Glück bedeutet.
Ist „Teilzeithippie“ eine erwachsene Platte geworden? Dafür ist sie viel zu verspielt. Ist sie von Hedonismus geprägt? Unbedingt und in Mengen! Allerdings steckt hinter der hedonistischen Oberfläche ein grundempathischer Mensch, der dem „Sexy Loverboy“ in swingender, bittersüßer Country-Taktung Tipps für die Zeit danach mit auf den Weg gibt. Das Spiel mit Scham und Hemmungen unterstreicht der von ihrem langjährigen Komponisten Hardy Kayser geschriebene Kaffeehaus-Shuffle „Die Siezgelegenheit“ mit der Feststellung, dass es schön ist, rot zu werden, wenn jemand einem etwas Anzügliches sagt. Schließlich gibt es nichts, was das Herz höher schlagen lässt. Annett Louisans Stimme klingt darin als immer noch tragendes Element jedes ihrer Lieder, nicht mehr so unverschämt in den Vordergrund gemischt, sondern macht Platz für ein breiteres Melodien- und Rhythmus-Verständnis, das weit über den Tellerrand europäischer Spielweisen hinweg Ausschau nach anderen Spielarten hält. Dabei wirkt die Protagonistin nicht nur wegen ihrer stimmlichen Unschuld, sondern vor allem wegen ihres überbordenden Selbstbewussteins unerhört stimulierend. Wer immer noch glaubt, dass Texte auf Deutsch nur ernst genommen werden können, wenn sie intellektuell fordern, irrt gewaltig. Viel wichtiger ist die Form des Ausdrucks, die Schnute, das Sinnliche, die Sensualität, der Sex. Wie wohltuend, dass Annett Louisan und ihr Texter und Produzent Frank Ramond ihre kollektiven Eigenarten diesmal noch stärker ausleuchten. Inhaltlich wie musikalisch. Eine neue Lockerheit hat Einzug gehalten und manifestiert sich in der Konsumzwang-Parodie „Ich brauch Stoff“ im umherstolzierenden Bläser-Arrangement, dem Louisan mit Breitwand-Pop-Refrain zusätzliche Ironie verleiht und in „Die nächste Liebe meines Lebens“ mit einer fast schon crooner-artigen gesanglichen Lässigkeit. Die Musik ist offensiver und vom Formellen befreit worden, wie die aufgegriffene Beat-Revolution der Sixties in „Ich bin dagegen“ unterstreicht. Wie viel Revolution im Zeitalter der digitalen Terminkalender möglich ist, wenn man nur hip sein kann, wenn man gerade mal nicht brav und folgsam ist, findet im Titelsong „Teilzeithippie“ seinen Ausdruck, dessen Musik vom Gast der letzten Annett Louisan-Tour, Martin Galopp, komponiert worden ist. In die Musik des Kanadiers ist auch das bislang schönste Liebeslied Louisans eingebettet, das nach allen Ausprobierens in Sachen Liebe und Sex, Nähe und Distanz, mit der Erkenntnis „Auf dich hab ich gewartet“ endet. Vom Zeigefingererheben hält Annett Louisan freilich ohnehin nichts. Dafür lustwandelt sie viel zu gerne auf den Reizen von Widersprüchlichkeiten – hier der Freiheitsdrang, da das Eigenheim, der gepackte Koffer und die Liebe des Lebens, das Vernetzen von Herz mit PC und Telefon, wie in der ersten Single des neuen Albums, dem von Alexander Zuckowski komponierten „Drück die 1“. Andererseits kann eine Single auf das Leitmotto der Louisan – das Explorieren der Polarität von Schmutz und Glamour, Scham und Schande, das große Paradoxon des Lebens – bestenfalls hindeuten. Das komplette Bild bietet nur die Stringenz vom Album „Teilzeithippie“.
Annett Louisan - Wikipedia
Annett Louisan (* 2. April 1977 in Havelberg (Altmark)) ist eine deutsche Sängerin und Musikerin. Sie lebt in Hamburg mit einem großen Teil ihrer Familie. Louisan ist ihr Künstlername, abgeleitet von dem Vornamen ihrer Großmutter Louise.
Aufgewachsen bei ihren Großeltern in einem Plattenbau in Sachsen-Anhalt und mit ersten Gesangserfahrungen aus einem Schulchor, zog sie als 13-Jährige mit ihrer Mutter nach Hamburg. Dort nahm sie an der Kunsthochschule ein Studium auf, das sie mit der Arbeit als Studiomusikerin finanzierte.
Inzwischen geht die Musikerkarriere vor und das Studium tritt wegen Zeitmangel in den Hintergrund.
Annett Louisan ist eine der wenigen deutschen Interpretinnen, die mit chansonhaften Liedern im Popsektor größere Bekanntheit erlangt haben. Mitverantwortlich hierfür sind neben Louisans Interpretation vor allem die Texte ihres Produzenten Frank Ramond sowie die Kompositionen ihrer Songwriter Hardy Kayser und Matthias Haß.
Ihre Texte behandeln das in der modernen Gesellschaft stark politisierte Thema des weiblichen Selbst- und Rollenverständnisses und provozieren dabei durch eine vielschichtige Ambivalenz, vor allem in Text und Interpretation. Dies kam am deutlichsten bei ihrer ersten Single Das Spiel zum Ausdruck. In diesem Lied werden verschiedene Rollenbilder mit konträren Ansätzen zu Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen (die Kindliche, der Vamp sowie ansatzweise die Emanzipiert-Fürsorgliche) vereint.
Musikalisch bewegt sich vor allem ihr zweites Album weg vom Pop und konzentriert sich mehr auf die französisch-deutsche Chanson-Tradition. Musette-Walzer, Tango und Bossa-Rhythmen verleihen den Liedern Abwechslung. Sparsame Hintergrundbegleitung lässt Louisans oft hauchige Stimme immer im Vordergrund bleiben.
Annett Louisan - laut.de
Mit süßer, feenhaft-unschuldiger Stimme intoniert Annett Louisan in ihrer ersten Single "Das Spiel".
"Dass du dich verliebst
weil du's mit mir tust
dass es dich so trifft
hab ich nicht gewusst
es war nie geplant
dass du dich jetzt fühlst
wie einer von vielen".
Und zeichnet damit das Bild einer begehrten, verführerischen jungen Frau, die zwar durchaus bereit ist, diesen Ruf auch für sich persönlich zu bestätigen, jedoch: Mehr als eine Nacht darf ein Mann nicht bei ihr erwarten. Verliebt er sich, zieht sich das Objekt der Begierde nur scheinbar unglücklich in sein Schneckenhaus zurück. Mit sanfter, aber bestimmter Anmut wird der Liebhaber aufgeklärt, dass der Fehler im System, in diesem Falle innerhalb seines Herzens liegt – und keinesfalls etwa in der Lebenseinstellung seiner Angebeteten.
Selten hat man bei einer deutschsprachigen Künstlerin bereits beim Albumdebüt eine so vielfältige und glaubhaft ausgereifte Mischung aus Koketterie, samtenem (Musik)-Augenaufschlag und gleichzeitiger Selbstsicherheit erlebt. Annett Louisan kommt im April 1977 in Havelberg in der damaligen DDR zur Welt. Sie wird von ihrer Mutter aufgezogen. Ihren Vater lernt sie viel später kennen, und dies nur einmal während eines kurzen Treffens. Er hat keinen Einfluss auf die Erziehung des jungen Mädchens. Nach der Wende zieht Annett mit ihrer Mutter nach Hamburg.
Die Heranwachsende interessiert und beschäftigt sich mit Musik und Malerei, was auch dazu führt, dass Annett nach Abschluss der Schule ein Kunststudium beginnt. Geld ist knapp, und so finanziert sie das Studium durch Gelegenheitsjobs als Studiosängerin. Sie wirkt bei unterschiedlichsten Produktionen und Musikrichtungen mit. Die Bandbreite beinhaltet dabei verschiedenste Genres wie Trance und Klassik. Sogar das Einspielen von Weihnachtsliedern zählt zu ihrem Repertoire.
Schließlich lernt sie Musiker kennen, die ihr bei der Produktion eines eigenen Demobandes unter die Arme greifen. Das 105 Music-Label von Sony wird auf auf die junge Künstlerin aufmerksam. In Frank Ramond findet sie den richtigen Produzenten und, was ebenso wichtig ist, den Partner, der ihre Ideen für die eigenen Songs in passende Texte kleidet. Ende Oktober 2004 erscheint das Debütalbum "Bohème" und auch die Singleauskopplung "Das Spiel", mit der Annett sofort auf verschiedenen Radiostationen punktet.
Die Musik von Annett Louisan ist ein aufregender Mix von Strukturen, deren Wurzeln ebenso im französischen Chanson wie auch in der eleganten Tradition des klassischen amerikanischen Songwritings liegen, angereichert mit Folkelementen und durch einige wohldosierte Jazzanleihen zusätzlich veredelt. Assoziationen an so unterschiedliche Frauen wie Marylin Monroe oder Marlene Dietrich werden wach, wenn sie mit ihrer unbekümmerten Mischung aus weiblichem Kalkül und einem feinsinnigen Gespür für Atmosphäre und Ironie Zustandsbeschreibungen der ewigen Dinge zwischen Mann und Frau bissig und warmherzig zugleich interpretiert.
Annett Louisan präsentiert sich als spannende, vielversprechende Newcomerin, deren Weg mit Interesse zu verfolgen sein wird.
Im Jahr 2005 startet die junge Künstlerin zu einer erfolgreichen und umjubelten Tour. Nicht wenige zeigten sich zunächst skeptisch, ob die doch sehr zurückgenommenen Lieder und die Sängerin selbst in der Lage wären, die Anforderungen an ein großes Konzert zu erfüllen. Doch mit dem ihr eigenen Charme und den sie begleitenden Klassemusikern überzeugt Annett auch strengste Kritiker. Der Gewinn der Goldenen Stimmgabel und des Neo-Awards unterstreichen den Status, den Annett Louisan mittlerweile inne hat.
Im Oktober 2005 erscheint - fast genau ein Jahr nach dem Debüt - das zweite Album "Unausgesprochen". Annett und ihr Produzententeam führen die Arbeit mit vielen neuen Schattierungen fort. Zusätzlich zeigt die Weiterentwicklung in Sachen Arrangement und Textarbeit, dass noch viel Potenzial in der aparten Wahlhamburgerin steckt. Der Fan darf weiterhin herausragende Veröffentlichungen der vielseitigen Sängerin erwarten.
Bereits zum Ende 2005 ist die ab Februar 2006 beginnende zweite Tournee ausverkauft. Zusatztermine werden angesetzt. Neue Ehrungen stehen schon im Januar ins Haus. Für ihr Debüt "Bohème" erhält Annett Doppelplatin, und der Nachfolger "Unausgesprochen" wird mit Gold und später erneut Platin bedacht.
2007 stehen zunächst weitere Konzerte an. Nach der erfolgreich absolvierten "Unausgesprochen"-Tour übernimmt Annett einen Gast-Gesangspart in dem Song "Kokettier Nicht Mit Mir" mit Götz Alsmann. Auch an einem neuen Album wird gearbeitet. Am 31.08.2007 erscheint schließlich der Drittling "Das Optimale Leben" mit 15 frischen Songs, die erneut auf eindrucksvolle Weise Annetts besondere Stellung im deutschsprachigen Musikraum unterstreichen.
Rechtzeitig zu Beginn der Tour 2007/2008 erscheint im November mit "Das Optimale Leben - Live Edition" die zweite DVD-Werkschau der Künstlerin. Neben einem kompletten Konzert vom 3sat-Festival finden sich als Bonus Auftritte mit dem Babelsberger Filmorchester und der Bigband des Hessischen Rundfunks.
Annett Louisan - 105music
Vorsicht ist geboten, denn auf den ersten Blick kann man sich leicht vertun. Mit ihren gerade mal 152 cm vom hübschen Blond-Scheitel bis zur Stiletto-Sohle, ihrem sehr jungen Aussehen und ihrem zurückhaltenden, leisen Auftreten geht sie gut noch als Schülerin durch. Im unterschätzt werden liegt aber genau die Stärke von Annett. Sie beobachtet aus dem Hintergrund heraus, zieht ihre Schlüsse, heischt nicht um Aufmerksamkeit. Aber wenn es ihr richtig erscheint, tritt sie selbstbewusst in den Vordergrund, ist unübersehbar präsent und im Focus der Aufmerksamkeit.
Ihre Grösse sieht Annett ganz gelassen – Kylie Minogue und Madonna sind auch klein und haben sich trotzdem Gehör verschafft.
Annett Louisan ist im April 1977 in der Altmark zur Welt gekommen. Die geliebten Großeltern zogen Annett auf, während die Mama als Krankenschwester arbeitete. Ihren Vater hat sie nicht kennen gelernt. Trotzdem – es hat ihr an nichts gefehlt. Sie erinnert sich an eine fröhliche Kindheit als lautes und wildes Mädchen im Plattenbau.
Nach der Wende entschloss sich ihre Mama, in der Nähe von Hamburg ein neues Leben zu beginnen und ihr Glück zu suchen. Ob es die neue Umgebung war oder die Pubertät – es folgte jedenfalls eine introvertierte Phase, in der Annett sich intensiv mit der Malerei und dann auch mit Musik beschäftigte.
Es zeichnete sich früh ab, dass sie keine konventionelle Berufsperspektive wählen würde. Sie würde sich nie einem fremdbestimmten, geregelten Tagesablauf unterwerfen wollen, sie wollte sich die Freiheit bewahren, immer dann das tun zu können, was ihr selbst in diesem Moment wichtig war. Sie suchte nach Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Gefühle und Wahrnehmungen und wandte sich erstmal der Malerei zu. Ein Studium an der Kunsthochschule in Hamburg folgte. Sie malte Akt, figürlich und dann wieder ungebremst bunt und radikal.
Seit einiger Zeit allerdings hat sie den Pinsel gegen das Mikrophon eingetauscht. Sie finanziert ihr Studium mit Gelegenheitsjobs als Studiosängerin und singt „alles zwischen Klassik und Trance“. Sie trifft viele Musiker, lernt Gitarre spielen, probiert sich aus. Sie übernimmt sich dabei nicht, sie kopiert niemanden, springt nicht auf einen Trend. Sie will keinem was beweisen. Sie vertraut auf sich selbst. Und sie lässt sich Zeit – bis es dann allerdings doch ganz schnell geht.
Annett hatte das Glück, auf die richtigen Leute zu treffen. Erst auf Musikerkollegen, die ihr halfen, ein erstes Demo einzuspielen. Und dann konnte sie sich schon das Porto für weitere Aussendungen an die Plattenfirmen sparen. Ihr Versuchsballon ging seinen Weg durch die Szene mit Punktlandung bei Peer Music. Dort erkannte man das Potential dieser eigenwilligen Künstlerpersönlichkeit, konzipierte zusammen das Album, knüpfte die Fäden und der Rest ist... der Anfang einer ganz großen Geschichte.
Annett Louisan - Sony BMG
Sie ist – bei aller Bescheidenheit – nicht weniger als eine kleine Revolution in der zeitgenössischen Musik.
Annett Louisan erfindet den Chanson neu; sie nährt die Hoffnung, dass sich das anspruchsvolle Lied gegen die gegenwärtigen Verwahrlosungen des Pop-Mainstreams behaupten kann; und sie straft ganz beiläufig all die der Lüge, die es unmöglich nennen, jene zu erreichen, die älter sind als 25 und musikalisch intelligent unterhalten werden wollen. Annett Louisan, diese junge Frau von zierlicher Statur und großem Format, sie ist die neue Grande Dame des deutschen Chansons.
Was hat man ihr nicht alles für Attribute gegeben in den vergangenen Jahren ihrer Existenz im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit: Pop-Lolita, sexy, verrucht, clever, eine femme fatale, ein Vamp, geübt im „Spiel“ mit der Liebe und den Männern und den Worten – alles stimmt davon und nichts.
Ihr Debüt war eine Demonstration ihres Vermögens, die Andeutung des Potenzials: Voilà, hier bin ich, sinnlich, emotional, klug, frei, modern und doch klassisch „Bohème“ – aber vor allem ehrlich: Sie selbst hat den Erfolg nicht geahnt.
Ihr zweites Album, das schwierige zweite, erzeugte einen überwältigenden Aufruhr der Begeisterung für die junge Chanteuse, es erweiterte ihr musikalisches Spektrum, und es etablierte die Künstlerin. Man sprach nun zaghaft vom „neuen deutschen Chanson“, und leichtfüßig sprang sie über die Schatten, die die Klischeegebäude voreiliger Kritiker warfen. „Unausgesprochen“ blieb hier nur, was erst eine lange Zeit des Nachdenkens, vielleicht auch ein bisschen das Älterwerden hervorbringt – was Klugheit zu Weisheit werden lässt und ein echtes, weil authentisches Vergnügen verspricht: nämlich die Mutmaßungen über „Das optimale Leben“. Und so nennt sie ihr jüngstes, ihr drittes Album.
Annett Louisan ist gut vorbereitet, konzentriert und geistesgegenwärtig, und gemeinsam mit ihrem kongenialen Texter Frank Ramond und den Komponisten Matthias Hass und Hardy Kayser hat sie sich alle Zeit genommen, die es braucht für ein großes Thema. Ihre neuen Chansons sind nun mehr als subtile Beobachtungen des Alltags. Es sind kleine Essays über die großen Fragen des Erwachsenseins – die, wenn wir ehrlich sind, zumeist Fragen der Liebe sind –, und wenn sie von den „choses de la vie“ singt, ist sie expressiv, ohne pathetisch zu sein. Man spürt in jeder Zeile: Hier erzählt eine von Dingen, von denen sie etwas versteht, durch und durch zeitgenössisch, ohne Pose. Es sind kluge Annäherungen an das ganze Leben, evokativ und schillernd selbst in der Melancholie. Sie verzichtet dabei gänzlich auf die große Gesellschaftskritik, kein Zeigefinger will sich da erheben. Lieber berichtet sie von ihren windungsreichen Wegen zum optimalen Leben – so wie jeder es leben will und wie es doch immer wieder anders kommt: komisch, traurig, sarkastisch, warm, leger, verkrampft – irgendwie alles andere als optimal, aber man darf nicht aufhören, davon zu träumen.
Unglücklicherweise stehen auf diesen Wegen allzu oft hohe Hürden. Wie man sie mit beinahe unheimlicher Gelassenheit nimmt, demonstriert Annett Louisan mit „Er“, einem Drama von altgriechischem Ausmaß, das geeignet ist, Männer in die fröhliche Einsamkeit zu treiben – so schwarz ist der Humor, dass die Füße trotz des Cha-Cha unweigerlich aus dem Takt geraten. Ebenso, „Wenn man sich nicht mehr liebt“, eine bittersüße, bis aufs Mark reduzierte Feststellung über stumpf gewordenes Gefühl, heruntergekommen zum bloßen Mitgefühl. Auch unerwartete „Kleine Zwischenfälle“ liegen auf diesen Wegen, solche, die die großen Weichen des Lebens stellen und das Geheimnis des Daseins für immer verborgen halten. Aber bei Annett Louisan ist keine Spur von Pessimismus, vielmehr ist es die feine Subversion, Gedanken, scharf wie ein Florett, aber eben kein grober Säbel.
Die Freuden des vorübergehenden Kontrollverlusts sind manchmal dem „Prosecco“ („Das alles wär nie passiert“) zu verdanken – in diesem schwungvollen, komischen Single-Epos finden wir uns wieder, sofern wir das Leben lieben oder wenigstens einmal geliebt haben, am Ende will man unwillkürlich singen „Wär doch schade, wenn das alles nicht passiert wäre“. Verzichtbar, aber kaum vermeidbar dagegen ist die Einsicht „Was nicht passiern darf, darf nicht mehr passiern“, die traurige Essenz von „Was haben wir gesucht“, eine kostbar zarte Miniatur über den hohen Preis, der für Seitensprünge zu zahlen ist. Wie sie die Abgründe sondiert, mit präzisen Sätzen das Unsagbare sagt – hier ist Annett Louisan auf der Höhe ihres Könnens. Eine andere Begabung ist ihre nüchterne Analyse, zum Beispiel in „Gendefekt“: Sie seziert mit hintersinnigem Wortspiel das Resignieren vor der Gleichgültigkeit in der Liebe, und die kühle Stringenz des Gedankens lässt sie reizvoll zu ihrem lässigen Tonfall kontrastieren. Ihre Ironie ist dann vor allem eine Selbstironie, intim, unberechenbar und witzig. Ganz so wie im skeptisch-ernüchterten „Rosenkrieg“, mit dem sie einen unerbittlichen Blick auf den Sündenfall der Männer wirft – die missbräuchliche Verwendung von Rosen nach Betrugsvergehen. Da zeigt sich Annett Louisans Klassik: eine Haltung im Kontrapost, ein skeptischer Blick, und dann unvermittelt ein gezielter Schuss. Darüber kann es für manche „Ende Dezember“ werden – der Titel einer Ballade über den Verlust eines Lebens, verstörend traurig, aber mit dem tröstlichen Gedanken, dass die Liebe deswegen nicht stirbt. In dieser auf das Essentielle reduzierten Tragödie erreicht sie eine Intensität im Ausdruck, die selten ist – und nebenbei auch das Deutsche als poetische Sprache in der Musik feiert.
„Ich verabscheue die Pose, die große Geste. Ich suche lieber nach der großen Kraft, die im Einfachen liegt“, sagt Annett Louisan über sich. Sie hat sie schon gefunden, sagt ihr Publikum.
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